Wenn wir über gesundes Altern sprechen, denken die meisten zuerst an Basics wie Schlaf, Ernährung, Bewegung – und vielleicht noch an ein paar Klassiker unter den Supplements (Vitamin D, Omega-3 und Co.). Aber es gibt da draußen noch eine ganze Welt an Substanzen, die die Forschung ins Visier genommen hat – Moleküle, die nicht nur schützen, sondern den Alterungsprozess aktiv beeinflussen könnten. Einer der spannendsten Kandidaten hört auf den unscheinbaren Namen Fisetin.
Was ist Fisetin?
Fisetin ist ein Flavonoid, also ein sekundärer Pflanzenstoff, der in vielen Obst- und Gemüsesorten vorkommt. Besonders reich sind Erdbeeren, aber auch Äpfel, Kakis, Zwiebeln, Trauben oder Gurken enthalten Fisetin – wenn auch in deutlich geringeren Mengen [1]. Zur Einordnung: Eine Portion Erdbeeren (ca. 300 g) liefert rund 50–60 mg Fisetin, ein großer Apfel vielleicht bis zu 8 mg, und unser gesamter Tagesverzehr liegt im Schnitt gerade mal bei etwa 1 mg [1]. Klingt nach einem ganz normalen Nährstoff aus der Obstschale, oder? Der Unterschied: Fisetin kann mehr, als nur ein Antioxidans zu sein. In den letzten Jahren hat es Aufmerksamkeit erregt, weil es als Senolytikum gehandelt wird – als Substanz also, die gezielt alternde, funktionsgestörte Zellen (umgangssprachlich gern „Zombie-Zellen“ genannt) im Körper aufspüren und aus dem Verkehr ziehen kann [2].

Zelluläre Müllabfuhr – warum ist das wichtig?
Warum begeistert die Idee eines Senolytikums wie Fisetin so sehr? Nun, mit dem Alter häuft unser Körper immer mehr seneszente Zellen an. Das sind Zellen, die zwar nicht mehr richtig arbeiten, aber auch nicht sterben wollen. Stell sie dir vor wie nervige Partygäste: Sie tragen nichts mehr zur Feier bei, blockieren aber den Platz – und schlimmer noch, sie nerven die guten Gäste. Diese „Zombie-Zellen“ sondern nämlich einen ganzen Cocktail an entzündungsfördernden Botenstoffen ab (die Wissenschaft spricht vom SASP, dem Senescence Associated Secretory Phenotype), der umliegendes Gewebe schädigt [2,3]. Unser Körper gerät so in einen Zustand chronischer, leiser Entzündung – und genau diese stille Entzündung gilt als einer der Haupttreiber des Alterns und vieler Alterskrankheiten [4]. Mit anderen Worten: Seneszente Zellen sind wie Müll, der sich in deinem Keller ansammelt. Räumst du diesen Zell-Müll weg, nimmst du damit eine Ursache von Alterungsprozessen ins Visier.
Und hier kommt Fisetin ins Spiel. Tierstudien zeigen nämlich äußerst vielversprechende Ergebnisse: Gibt man alternden Mäusen Fisetin, passiert etwas Beeindruckendes. In einer vielbeachteten Studie der Mayo Clinic und der Scripps Research wurde festgestellt, dass Fisetin von allen getesteten Pflanzenstoffen der potenteste Senolytikums-Kandidat war [2]. Durch Fisetin-Treatment reduzierten sich bei alten Mäusen die Marker für Zellalterung in verschiedenen Organen deutlich – als hätte man den Zell-Müll einmal kräftig durchgefegt [2]. Die Behandlung stellte die Gewebehomöostase wieder her, verringerte altersbedingte Schäden und verlängerte sowohl die mittlere als auch die maximale Lebensspanne der Mäuse [2]. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Mäuse mit Fisetin lebten länger und gesünder – mit weniger Entzündungen, stabilerer Gehirnfunktion und einem fitteren Stoffwechsel, verglichen mit ihren unbehandelten Altersgenossen [3].

Natürlich muss man hier realistisch bleiben: Bisher stammen diese beeindruckenden Resultate hauptsächlich aus dem Tiermodell. Was ist mit uns Menschen? Erste kleine Studien am Menschen laufen bereits – etwa in Bereichen wie Krebsforschung oder neurodegenerative Erkrankungen – doch belastbare Ergebnisse stehen noch aus [5]. Immerhin: Die bisherigen Hinweise sind ermutigend. So wurde in einer aktuellen Untersuchung ein Rückgang von Alterungsmarkern in Immunzellen sowie eine Reduktion entzündlicher Signalstoffe bei einigen Teilnehmern beobachtet, nachdem sie Fisetin eingenommen hatten [6]. Auch interessant: 2021 zeigte eine placebo-kontrollierte Studie mit älteren Erwachsenen, dass bereits eine moderate tägliche Dosis Fisetin aus Erdbeeren (zwei Portionen, ~50 mg Fisetin) über 3 Monate gewisse Verbesserungen der geistigen Leistungsfähigkeit bewirkte [7]. Das ist kein Wunderheil-Effekt, aber es zeigt, dass Fisetin auch beim Menschen nicht einfach wirkungslos verpufft – und nährt die Hoffnung, dass die Maus-Ergebnisse sich zumindest teilweise übersetzen lassen.
Erdbeeren essen oder Pillen schlucken?
Wenn Fisetin so vielversprechend ist, könnte man versucht sein, jetzt kiloweise Erdbeeren zu futtern. Tatsächlich ist es immer eine gute Idee, Fisetin-haltige Lebensmittel regelmäßig in die Ernährung einzubauen: Erdbeeren, Äpfel, Gurken, Zwiebeln – das sind keine exotischen Superfoods, sondern ganz normale Nahrungsmittel, die du problemlos öfter mal einbauen kannst. Selbst wenn du damit nicht an die hohen Studienmengen herankommst, profitierst du von den antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften dieser Lebensmittel [8].
Allerdings muss man klar sagen: Die in den Anti-Aging-Studien eingesetzten Fisetin-Mengen sind auf natürlichem Wege kaum erreichbar. Die Maus-Dosierungen, die dort lebensverlängernd wirkten, entsprechen umgerechnet etwa 500 mg Fisetin täglich für einen Menschen [1]. Das wären nahezu 8 Schalen Erdbeeren pro Tag – jeden Tag! Genau wegen dieser Diskrepanz setzt die Biohacking-Szene hier auf Supplemente. Fisetin ist mittlerweile als Nahrungsergänzungskapsel erhältlich, oft in Dosierungen um 100–500 mg pro Kapsel.
Aber bevor du jetzt blindlings auf den Fisetin-Zug aufspringst, lass uns kurz innehalten. Hohe Dosen eines Flavonoids sind kein trivialer Spaß, auch wenn es aus Erdbeeren stammt. Wir wissen bislang nicht genau, wie hoch die ideale Dosierung beim Menschen wäre, wie gut der Körper Fisetin überhaupt aufnimmt (Stichwort Bioverfügbarkeit) und welche Langzeitwirkungen oder Nebenwirkungen auftreten könnten [4,5]. Toxikologische Experten mahnen, jegliche Pflanzenstoffe in unnatürlich hoher Dosierung mit Vorsicht anzugehen – also in Bereichen weit über dem, was eine normale Ernährung liefert [1]. Fisetin gilt zwar grundsätzlich als sicher und gut verträglich, doch es fehlt uns schlicht die Erfahrung mit 500 mg täglich über Jahre. Ein weiterer Punkt: Sowohl Fisetin als auch das verwandte Flavonoid Quercetin können bestimmte Leberenzyme hemmen, die für den Medikamentenabbau zuständig sind [5]. Wer also regelmäßig Medikamente nimmt, sollte unbedingt Rücksprache mit dem Arzt halten, bevor er hochdosiert Fisetin supplementiert – Wechselwirkungen sind nie auszuschließen.

Meine Empfehlung lautet daher: Fisetin-Supplementierung ist ein spannendes Experiment, aber bitte nicht unkritisch und nicht als Ersatz für die Grundlagen. Wenn du es ausprobieren möchtest, dann idealerweise mit ärztlicher Begleitung oder zumindest mit einem soliden Plan, was du beobachten möchtest (Biomarker, Entzündungswerte etc.). Und denk daran: Die Basis kommt zuerst. Ohne genügend Schlaf, ohne vernünftige Ernährung, ohne Stressmanagement und Bewegung bringt dir das beste Wundermolekül der Welt gar nichts. Du kannst nicht den Keller voller Müll haben und hoffen, dass ein paar Erdbeeren das Haus wieder in Ordnung bringen.
Fazit
Fisetin ist kein Freifahrtschein für ewiges Leben – aber es könnte sich als spannendes Puzzleteil im großen Bild des gesunden Alterns erweisen. Als Senolytikum zielt es direkt auf eine der Grundursachen des Alterns ab: die Ansammlung schädlicher Zombie-Zellen. Noch steckt die Forschung in den Anfängen, doch die bisherigen Erkenntnisse deuten an, dass Fisetin vom unterschätzten Underdog zum echten Gamechanger der Longevity-Medizin aufsteigen könnte. Bis dahin gilt: Behalte Fisetin im Auge, informiere dich über neue Studien – und es tut sicher nicht weh, beim nächsten Einkauf einfach eine Packung Erdbeeren extra in den Korb zu legen. Dein Körper wird es dir danken!
Energiegeladene Grüße,
Der Optimizer
Richard Staudner
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Safran für mehr Sexdrive und erhöhte Fettverbrennung? – Ein Gewürz, das nicht nur Risotto veredelt, sondern auch Libido und Stoffwechsel anfeuern könnte – die Wissenschaft dazu ist spannender, als man denkt.
Alpha Liponsäure – Ein omnipräsenter Player in all deinen Zellen – Ein kleines Molekül mit großer Wirkung: Von Energieproduktion bis Antioxidationsschutz – Alpha-Liponsäure ist ein echter Allrounder für deine Zellen.
Sitzen ist das neue Rauchen!? Wie ein sitzender Lebensstil unsere Gesundheit bedroht – Bewegung ist absolut essentiell. Lies hier, warum Sitzen der Gesundheit schadet.
Quellen
- Arai, Y., Watanabe, S., Kimira, M., Shimoi, K., Mochizuki, R., & Kinae, N. (2000). Dietary intakes of flavonols, flavones and isoflavones by Japanese women and the inverse correlation between quercetin intake and plasma LDL cholesterol concentration. Journal of Nutrition, 130(9), 2243–2250. https://doi.org/10.1093/jn/130.9.2243
- Yousefzadeh, M. J., Zhu, Y., McGowan, S. J., et al. (2018). Fisetin is a senotherapeutic that extends health and lifespan. EBioMedicine, 36, 18–28. https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2018.09.015
- Zhu, Y., Tchkonia, T., Pirtskhalava, T., et al. (2015). The Achilles’ heel of senescent cells: From transcriptome to senolytic drugs. Aging Cell, 14(4), 644–658. https://doi.org/10.1111/acel.12344
- Franceschi, C., & Campisi, J. (2014). Chronic inflammation (inflammaging) and its potential contribution to age-associated diseases. Journals of Gerontology: Series A, 69(S1), S4–S9. https://doi.org/10.1093/gerona/glu057
- Currais, A., Farrokhi, C., Dargusch, R., Armando, A., Quehenberger, O., & Maher, P. (2018). Fisetin reduces the impact of aging on behavior and physiology in the rapidly aging SAMP8 mouse. Oncotarget, 9(33), 20662–20682. https://doi.org/10.18632/oncotarget.25085
- Hambright, W. S., Duke, V. R., Goff, A. D., et al. (2024). Clinical validation of C12FDG as a marker associated with senescence and osteoarthritic phenotypes. Aging Cell, 23(5), e14113. https://doi.org/10.1111/acel.14113
- Miller, M. G., Thangthaeng, N., Rutledge, G. A., Scott, T. M., & Shukitt-Hale, B. (2021). Dietary strawberry improves cognition in a randomised, double-blind, placebo-controlled trial in older adults. British Journal of Nutrition, 126(2), 253–263. https://doi.org/10.1017/S0007114521000222
- Khan, N., & Mukhtar, H. (2019). Dietary agents for prevention and treatment of lung cancer. Cancer Letters, 459, 1–10. https://doi.org/10.1016/j.canlet.2019.05.018