Noch vor wenigen Jahren galten Magic Mushrooms als Relikt der Hippie-Ära: psychedelische Pilze, verbunden mit bunten Visionen und spirituellen Experimenten. Heute tauchen sie in einem völlig anderen Kontext wieder auf – in wissenschaftlichen Journals, medizinischen Studien und zunehmend auch in der Welt des Biohackings.
Den Anstoß für diese neue Aufmerksamkeit lieferte unter anderem Bryan Johnson, einer der bekanntesten Selbstoptimierer der Gegenwart. Johnson, der für sein radikal datengetriebenes Longevity-Projekt bekannt ist, machte öffentlich, dass er Psilocybin testete – unter streng kontrollierten Bedingungen, begleitet von umfangreichen Messungen zu Schlaf, Entzündung, Herz-Kreislauf-Funktion und Gehirnaktivität.
Für viele war das überraschend. Psilocybin schien nicht in das Bild des über disziplinierten Biohackers zu passen. Doch Johnsons Experiment verweist auf einen grundlegenden Perspektivwechsel: Mentale Gesundheit, emotionale Flexibilität und neuronale Anpassungsfähigkeit rücken zunehmend ins Zentrum der Selbstoptimierung.
Johnson sowie andere Biohacker, Ärzte und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Wirkstoffe aus sogenannten ‚Zauberpilzen‘ die Leistungsfähigkeit und Gesundheit unseres Gehirns gezielt unterstützen könnten.
Hinweis: Magic Mushrooms sind in Deutschland und Österreich illegal. Dieser Artikel betrachtet Psilocybin ausschließlich aus wissenschaftlicher Perspektive.

Bei welchen Erkrankungen Psilocybin erforscht wird
Psilocybin wird heute nicht mehr nur als bewusstseinsverändernde Substanz betrachtet, sondern zunehmend als therapeutischer Wirkstoff. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die klinische Forschung stark ausgeweitet – insbesondere dort, wo herkömmliche Behandlungen an ihre Grenzen stoßen. Im Fokus stehen vor allem psychische Erkrankungen, bei denen starre Denk- und Emotionsmuster eine zentrale Rolle spielen.
Am besten untersucht ist der Einsatz bei schweren depressiven Erkrankungen, insbesondere bei therapieresistenter Depression. Mehrere kontrollierte Studien zeigen, dass Psilocybin – kombiniert mit psychologischer Begleitung – depressive Symptome rasch und teilweise über Monate hinweg deutlich lindern kann [5]. Anders als klassische Antidepressiva wirkt Psilocybin nicht dämpfend, sondern scheint einen Zustand erhöhter mentaler Offenheit zu erzeugen, in dem neue Perspektiven möglich werden.
Auch bei Angststörungen, vor allem im Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Krebs, zeigen sich vielversprechende Effekte. Patientinnen und Patienten berichten von einer deutlichen Reduktion existenzieller Angst, mehr emotionaler Ruhe und einem veränderten Umgang mit der eigenen Situation [4]. Die Substanz scheint dabei weniger die Angst selbst zu „unterdrücken“, sondern die Beziehung zu ihr zu verändern.
Ein weiteres wichtiges Forschungsfeld sind Suchterkrankungen. Studien zu Alkohol- und Nikotinabhängigkeit deuten darauf hin, dass Psilocybin helfen kann, tief verankerte Verhaltensmuster zu durchbrechen [5]. Viele Teilnehmende beschreiben im Anschluss ein verändertes Verhältnis zur Substanz, weniger zwanghaftes Verlangen und ein stärkeres Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Darüber hinaus wird Psilocybin bei posttraumatischen Belastungsstörungen, Zwangsstörungen and chronischer Angst untersucht. Die gemeinsame Klammer dieser Erkrankungen ist eine eingeschränkte emotionale Flexibilität – also das Feststecken in immer gleichen Reaktionsmustern. Genau hier setzt Psilocybin neurobiologisch an, indem es starre Netzwerke lockert und dem Gehirn ermöglicht, Erfahrungen neu einzuordnen [2][3].
Wichtig ist dabei: Psilocybin wird in der medizinischen Forschung nicht als alleinige Therapie, sondern als Teil eines strukturierten Behandlungsansatzes verstanden – eingebettet in Vorbereitung, Begleitung und Nachintegration. Seine Wirkung entfaltet sich weniger als Dauerbehandlung, sondern als Impuls, der therapeutische Prozesse unterstützt.
Psilocybin: Kein Zauberstoff, sondern ein neurobiologischer Wirkmechanismus
Psilocybin ist kein mystisches Elixier, sondern ein gut untersuchtes Molekül. Nach der Einnahme wird es im Körper zu Psilocin umgewandelt, das gezielt an einen bestimmten Serotonin-Rezeptor im Gehirn bindet: den 5-HT2A-Rezeptor [1].
Serotonin ist weit mehr als ein „Glückshormon“. Es reguliert, wie flexibel das Gehirn Informationen verarbeitet, wie stark Emotionen gewichtet werden und wie fest Denkgewohnheiten verankert sind. Psilocybin aktiviert diesen Rezeptor besonders intensiv – mit weitreichenden Folgen.
Vereinfacht gesagt:
Das Gehirn verlässt vertraute Denkbahnen und beginnt, neue Verknüpfungen herzustellen. Eingefahrene Muster verlieren an Dominanz, alternative Perspektiven werden zugänglich. Bildgebende Verfahren zeigen, dass unter Psilocybin Hirnregionen miteinander kommunizieren, die im Normalzustand kaum verbunden sind [2].

Das Default Mode Network: Der innere Autopilot
Besonders betroffen ist ein Netzwerk, das Neurowissenschaftler Default Mode Network (DMN) nennen. Es ist aktiv, wenn wir nicht zielgerichtet handeln: beim Grübeln, Erinnern, Planen oder Nachdenken über uns selbst. Das DMN prägt unser Selbstbild – inklusive der inneren Stimme, die kommentiert, bewertet und vergleicht.
Bei chronischem Stress, Depressionen oder Angststörungen ist dieses Netzwerk häufig überaktiv. Gedanken kreisen, Emotionen verfestigen sich, neue Sichtweisen werden blockiert.
Psilocybin reduziert die Dominanz des DMN deutlich [2]. Viele Menschen beschreiben das subjektiv als:
- ein Nachlassen des inneren Kommentars
- ein Gefühl von Weite und Distanz zu Problemen
- weniger Identifikation mit belastenden Gedanken
Bemerkenswert ist: Diese Effekte sind nicht nur kurzfristig. Studien zeigen, dass die funktionelle Organisation des Gehirns Wochen nach einer einzelnen Psilocybin-Erfahrung messbar verändert bleibt [2].
Neuroplastizität: Warum Psilocybin nachhaltig wirkt
Die Fähigkeit des Gehirns, sich strukturell zu verändern, wird als Neuroplastizität bezeichnet. Lange galt sie im Erwachsenenalter als begrenzt. Neuere Forschung widerspricht dieser Annahme und zeigt, dass sich das Gehirn bis ans Ende unseres Lebens verändern kann.
Tier- und Zellstudien zeigen, dass Psilocybin:
- die Anzahl von Dendriten (Verästelungen von Nervenzellen) erhöht
- neue Synapsen im Gehirn bildet
- die Ausschüttung von BDNF steigert, einem zentralen Wachstumsfaktor für Nervenzellen [3]
Diese Veränderungen betreffen besonders Hirnregionen, die für Emotionen, Lernen und Entscheidungsfindung zuständig sind. In Tiermodellen hielten antidepressiv-ähnliche Effekte Wochen bis Monate an – nach nur einer Dosis [3].
Für Biohacking ist das entscheidend: Psilocybin wirkt nicht dauerhaft stimulierend, sondern als Impuls zur Reorganisation. Es schafft ein Zeitfenster erhöhter Anpassungsfähigkeit.
Warum ist das für Bryan Johnson relevant?
Bryan Johnsons zentrales Ziel ist es, nicht nur das Leben zu verlängern, sondern auch die mentale Leistungsfähigkeit über Jahrzehnte zu erhalten. Neben Schlaf, Ernährung und Entzündungswerten rückt dabei ein weiterer Faktor in den Fokus: mentale Reibung. Dazu zählen chronischer Stress, Grübeln, emotionale Starrheit und ineffiziente Denkgewohnheiten.
Psilocybin interessierte Johnson, weil Studien zeigen, dass es genau hier ansetzt: Es lockert starre neuronale Muster und erhöht die emotionale Flexibilität – die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, ohne von ihnen überwältigt zu werden.
Forschungsergebnisse legen nahe, dass Psilocybin:
- emotionale Resilienz steigern kann
- das Gefühl von Sinn und Verbundenheit erhöht
- indirekt entzündungsfördernde Stressreaktionen reduziert [4][5]
Johnson selbst spricht weniger von Spiritualität, sondern von kognitiver Entlastung: weniger innere Gegenwehr, klareres Denken, geringere emotionale Reaktivität.
Warum Psilocybin im Silicon Valley Aufmerksamkeit erhält
Auch im Silicon Valley wächst das Interesse an Psychedelika. Die Region in den USA gilt als globales Zentrum für Technologie, Innovation und Unternehmertum – und als permanenter Wettbewerb der Denkweisen.
Viele Gründer und Entwickler berichten, dass psychedelische Erfahrungen helfen, komplexe Probleme neu zu betrachten. Neurobiologisch ist das plausibel: Durch die veränderte Vernetzung des Gehirns entstehen ungewöhnliche Assoziationen [2]. Gleichzeitig wird der mentale Autopilot aus Leistungsdruck und Selbstzweifeln vorübergehend gedämpft.
Psilocybin wird hier weniger als Droge verstanden, sondern als Werkzeug zur kognitiven Entkopplung – ein temporärer Ausstieg aus gewohnten Denkschleifen.

Spirituelle Erweiterung – neuropsychologisch betrachtet
Viele Menschen bezeichnen Psilocybin-Erfahrungen als spirituell. Gemeint ist damit meist kein religiöser Glaube, sondern ein verändertes Selbst- und Verbundenheitsgefühl. Studien zeigen, dass Psilocybin das Empfinden verstärkt, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein – zur Natur, zur Menschheit oder zum Leben insgesamt [4].
Neurowissenschaftlich lässt sich das erklären: Wenn das Default Mode Network gedämpft ist, verliert das Ich-Gefühl an Dominanz [2]. Die Grenze zwischen Selbst und Umwelt wird durchlässiger. In klinischen Studien korreliert diese sogenannte mystische Erfahrung stark mit langfristigen Verbesserungen von Lebenszufriedenheit und emotionaler Stabilität [5].
Wie kann Psilocybin eingenommen werden?
Psilocybin wirkt nicht allein über den Wirkstoff, sondern maßgeblich über Dosierung und Kontext. In der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte haben sich zwei grundsätzlich unterschiedliche Formen etabliert: die Makrodosierung, bei der eine deutlich spürbare psychedelische Wirkung eintritt, und die Mikrodosierung, bei der die Menge bewusst so niedrig gehalten wird, dass keine unmittelbare Wahrnehmungsveränderung auftritt. Beide Ansätze verfolgen unterschiedliche Ziele – und unterscheiden sich deutlich in Wirkung, Evidenz und Risiko.
Makrodosierung: Wenn Veränderung bewusst erlebt wird
Unter Makrodosierung versteht man eine Psilocybin-Dosis, die eine klare Veränderung von Wahrnehmung, Emotionen und Denken auslöst. In klinischen Studien findet diese Form der Anwendung fast ausschließlich in einem therapeutischen Setting statt – vorbereitet, begleitet und im Anschluss mit einem Psychologen aufgearbeitet.
Gerade hier zeigt Psilocybin sein größtes wissenschaftlich belegtes Potenzial. Klinische Studien berichten von deutlichen Effekten bei:
- schweren depressiven Erkrankungen
- Angststörungen, etwa im Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Diagnosen
- Suchterkrankungen wie Alkohol- oder Nikotinabhängigkeit [5]
In einer randomisierten Studie verbesserten sich depressive Symptome bei rund 70 % der Teilnehmenden deutlich, häufig bereits nach einer einzigen Sitzung [5]. Viele beschrieben die Erfahrung als emotional intensiv, teils herausfordernd – aber zugleich als nachhaltig klärend.
Neurologisch lassen sich diese Effekte erklären: Unter Psilocybin reagieren emotionale Zentren wie die Amygdala weniger stark auf negative Reize, während Erinnerungen und belastende Erfahrungen neu eingeordnet werden. Traumatische Inhalte verlieren einen Teil ihrer emotionalen Schwere. Makrodosierung ist daher kein „Wohlfühl-Tool“, sondern eher ein gezielter Eingriff in tief verankerte emotionale Muster – mit entsprechendem Anspruch an Vorbereitung und Nachbereitung.
Mikrodosierung: Subtile Effekte oder Placebo?
Ganz anders ist der Ansatz der Mikrodosierung. Hier werden sehr geringe Mengen Psilocybin eingenommen, die unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle liegen. Es kommt weder zu Halluzinationen noch zu einem veränderten Ich-Gefühl. Ziel ist vielmehr eine sanfte, alltagstaugliche Optimierung von Stimmung, Fokus oder Kreativität.
Besonders im Biohacking-Umfeld hat dieser Ansatz große Popularität erlangt. Die wissenschaftliche Datenlage fällt jedoch deutlich nüchterner aus. Placebokontrollierte Studien zeigen:
- kaum objektiv messbare Verbesserungen in Aufmerksamkeit, Kreativität oder Gedächtnis
- viele berichtete Effekte lassen sich durch Erwartungshaltungen erklären [6]
Das bedeutet nicht, dass Nutzerinnen und Nutzer nichts spüren – subjektive Effekte sind real. Aus neurobiologischer Sicht scheint Mikrodosierung jedoch keine stabilen strukturellen Veränderungen im Gehirn auszulösen, wie sie bei Makrodosierungen beobachtet werden. Für Menschen, die auf messbare, reproduzierbare Effekte setzen, bleibt der Nutzen daher bislang begrenzt belegt.

Risiken und Grenzen
Psilocybin gilt physiologisch als vergleichsweise sicher, dennoch gibt es Risiken:
- kurzfristig (meistens nur dann, wenn die Pilze anfangen zu wirken): Übelkeit, Angstreaktionen, erhöhter Blutdruck [7]
- psychisch: Überforderung bei ungeeignetem Setting (Umgebung, Atmosphäre, Begleitung)
- Kontraindikationen bei aktiven Psychosen oder bipolarer Störung
Langfristige Schäden wurden in kontrollierten Studien nicht beobachtet [7]. Im Gegensatz zu anderen illegalen Drogen macht Psilocybin nicht abhängig. Dennoch gilt: Psilocybin ist kein Lifestyle-Supplement, sondern ein Wirkstoff mit tiefgreifender Wirkung.
Kein Hack, sondern ein Katalysator
Magic Mushrooms sind kein Shortcut zur Erleuchtung und kein Garant für Produktivität. Aber sie gehören zu den wenigen Substanzen, die eingefahrene neuronale Muster messbar verändern können und damit eine große Chance für Menschen darstellen, die an Depressionen, PTBS, Ängsten etc leiden.
Dass Biohacker wie Brian Johnson sich damit beschäftigen, zeigt ein Umdenken: Weg von reiner Kontrolle über den Körper, hin zu gezielter mentaler Flexibilisierung. Wenn Langlebigkeit mehr bedeutet als ein funktionierender Körper, dann müssen wir das Gehirn definitiv auch mit einbinden.
Energiegeladene Grüße,
Der Optimizer
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Literatur
[1] Nichols, D. E. (2016). Psychedelics. Pharmacological Reviews, 68(2), 264–355.
https://doi.org/10.1124/pr.115.011478
[2] Subramanian, S., Müller, R., Lührs, M., et al. (2024). Psilocybin desynchronizes the human brain. Nature, 632, 131–138.
https://doi.org/10.1038/s41586-024-07624-5
[3] Zhao, X., Sun, L., Wang, Z., et al. (2024). Psilocybin promotes neuroplasticity and induces rapid and sustained antidepressant-like effects in mice. Journal of Psychopharmacology, 38(5), 489–499.
[4] Carhart-Harris, R. L., Bolstridge, M., Rucker, J., et al. (2016). Psilocybin with psychological support for treatment-resistant depression: An open-label feasibility study. The Lancet Psychiatry, 3(7), 619–627.
https://doi.org/10.1016/S2215-0366(16)30065-7
[5] Davis, A. K., Barrett, F. S., May, D. G., et al. (2021). Effects of psilocybin-assisted therapy on major depressive disorder: A randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 78(5), 481–489.
https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2020.3285
[6] Cavanna, F., Benedeck, M., et al. (2022). Microdosing with psilocybin mushrooms: A double-blind placebo-controlled study. Translational Psychiatry, 12, 307.
https://doi.org/10.1038/s41398-022-02039-0
[7] Yerubandi, A., Meshkat, S., et al. (2024). Acute adverse effects of therapeutic doses of psilocybin: A systematic review and meta-analysis. JAMA Network Open, 7(4), e245960.
https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2024.5960