Metformin – vom Diabetes-Medikament zum Longevity-Hoffnungsträger

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Richard Staudner

Der Optimizer

Metformin ist ein unscheinbares Medikament. Seit Jahrzehnten verschreiben Ärzte es millionenfach gegen Typ-2-Diabetes – zuverlässig, günstig, gut verträglich. Doch seit wenigen Jahren interessiert sich eine ganz andere Gruppe für den alten Wirkstoff: Biohacker und Longevity-Forscher, die glauben, dass Metformin weit mehr kann als Blutzucker senken. Könnte eine Diabetespille tatsächlich das Altern verlangsamen? Wir schauen uns an, was dahintersteckt.

Vom Ziegenkraut zur Standardtherapie

Die Geschichte von Metformin beginnt erstaunlich früh – im Mittelalter. Damals wurde die Pflanze Galega officinalis, auch Ziegenraute genannt, als Heilmittel gegen starkes Wasserlassen eingesetzt – was wir heute als Symptom von Diabetes erkennen. Wissenschaftler entdeckten später, dass diese Pflanze reich an Guanidin ist, einem Stoff, der den Blutzucker senken kann. In den 1920er-Jahren experimentierte man mit ersten Biguaniden – so heißt die Substanzklasse dieser Guanidin-Abkömmlinge – gegen Diabetes, doch wegen starker Nebenwirkungen und der gerade aufgekommenen Insulintherapie geriet die Forschung wieder in Vergessenheit.

Metformin selbst wurde in den 1940ern eher zufällig wiederentdeckt, als man ein Malaria-Mittel suchte. Es erwies sich als wirkungslos gegen Malaria, senkte aber auffällig den Blutzucker. Der französische Arzt Jean Sterne setzte es ab 1957 gezielt bei Diabetes-Patienten ein und nannte es „Glucophage“ – auf Deutsch “Zuckerfresser”. Anfangs fand Metformin wenig Beachtung, weil verwandte Wirkstoffe bevorzugt wurden. Doch genau das sollte Metformins großer Vorteil sein: Als die anderen Medikamente wegen gefährlicher Nebenwirkungen vom Markt verschwanden, schlug Metformins Stunde. 1995 wurde es in den USA zugelassen, und nach der wegweisenden UKPDS-Studie 1998 – die zeigte, dass es nicht nur den Blutzucker kontrolliert, sondern auch das Risiko für Komplikationen und Tod senkt – etablierte es sich als Grundpfeiler der Diabetes-Therapie. Heute ist Metformin das meistverschriebene orale Diabetes-Medikament der Welt, und über 120 Millionen Menschen nehmen es ein.

Wie wirkt Metformin?

Metformin wirkt, indem es die Zuckerproduktion der Leber zügelt und den Körper empfindlicher für Insulin macht. Bei Typ-2-Diabetes und Insulinresistenz wird die Glukoseproduktion der Leber durch Insulin nicht mehr ausreichend gehemmt, wodurch vermehrt Glukose ins Blut abgegeben wird und der Blutzuckerspiegel ansteigt.

Metformin drosselt diese Neubildung von Zucker und verbessert gleichzeitig die Wirkung von Insulin an Muskeln und Fettgewebe, sodass diese Zellen mehr Zucker aus dem Blut aufnehmen.

Auf zellulärer Ebene aktiviert Metformin AMPK, ein Enzym, das den Energiesparmodus der Zelle einschaltet. In der Leber führt das dazu, dass weniger Glukose produziert wird. Außerdem bremst Metformin ganz leicht die Mitochondrien, was indirekt ebenfalls AMPK aktiviert. Interessanterweise wirkt es auch im Darm: Es verzögert die Aufnahme von Kohlenhydraten, fördert die Ausschüttung des blutzuckersenkenden Darmhormons GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1) und verändert sogar die Zusammensetzung der Darmflora positiv. Metformin hat also vielseitige Wirkorte: Leber, Muskel, Darm und Fettgewebe.

Wichtig für Anwender: Metformin senkt erhöhten Blutzucker, ohne das Insulin künstlich zu erhöhen. Es kurbelt die Insulinproduktion nicht an, sondern macht den Körper nur empfindlicher für das vorhandene Insulin. Deshalb verursacht es in der Regel keine Unterzuckerungen – ein großer Vorteil gegenüber vielen anderen Diabetes-Medikamenten.

Bewährter Einsatz bei Diabetes und Insulinresistenz

Medizinische Leitlinien weltweit empfehlen Metformin als Therapie der ersten Wahl bei Typ-2-Diabetes. Es senkt den Blutzucker zuverlässig und langfristig, führt nicht zu gefährlichen Unterzuckerungen und bewirkt durchschnittlich sogar eine moderate Gewichtsabnahme von etwa 2–3 kg – eine Seltenheit unter Diabetesmedikamenten, von denen viele eine Gewichtszunahme verursachen.

Die Auswirkungen gehen aber über Zahlen auf dem Messgerät hinaus. In der UKPDS-Studie hatten übergewichtige Patienten unter Metformin über zehn Jahre rund 42 % weniger diabetesbedingte Todesfälle als die Vergleichsgruppe. Damit gilt Metformin als einziger Blutzuckersenker mit nachgewiesenem Longevity-Effekt bei Diabetes. Auch bei der Vorbeugung hilft es: Im Diabetes Prevention Program konnte Metformin die Entwicklung einer Diabetes bei Risikopersonen um 31 % verzögern.

Neben Diabetes kommt Metformin auch bei anderen Insulinresistenz-Zuständen zum Einsatz, etwa beim Polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS). Viele PCOS-Patientinnen haben Insulinresistenz, was zu Zyklusstörungen und erhöhten männlichen Hormonen führt. Metformin kann hier die Insulinempfindlichkeit verbessern, Androgenspiegel senken und den Eisprung wiederherstellen.

Wie funktioniert Metformin als Biohacking-Medikament?

Metformin funktioniert als Biohacking-Tool vor allem, indem es den Alterungsprozess auf mehreren Ebenen verlangsamt – indem es gezielt die sogenannten „Hallmarks of Aging“ bekämpft. Die Hallmarks of Aging sind die wichtigsten biologischen „Baustellen“, die im Körper mit der Zeit kaputtgehen und zusammen dafür sorgen, dass wir altern, wie zum Beispiel DNA-Schäden, Telomerverkürzung und chronische Entzündungen. Es imitiert eine milde Kalorienrestriktion, senkt Insulin und IGF-1 und aktiviert AMPK, ein Enzym das den Energiesparmodus der Zelle einschaltet. Dadurch wird indirekt mTOR gehemmt, ein zentraler Regler von Zellwachstum und Alterung. Gleichzeitig dämpft Metformin chronische Entzündungen, fördert Autophagie (zelluläres Recycling), schützt vor oxidativem Stress, hält Mitochondrien funktionsfähig und verzögert die Erschöpfung von Stammzellen.

Dass diese Mechanismen tatsächlich lebensverlängernd wirken könnten, zeigen Tierversuche und Beobachtungsstudien beim Menschen. In Mäuse-Experimenten verlängerte Metformin die Lebensspanne um etwa 8 % und verzögerte das Auftreten von Tumoren – besonders bei frühem Behandlungsbeginn. Beim Menschen lieferte eine britische Studie aus dem Jahr 2014 ein überraschendes Ergebnis: Typ-2-Diabetiker unter Metformin hatten eine ähnlich gute oder sogar bessere Überlebensrate als gesunde Gleichaltrige ohne das Medikament. Solche Ergebnisse sind vorsichtig zu interpretieren, deuten aber in eine konsistente Richtung.

Die bislang ambitionierteste Prüfung dieser Hypothese war die TAME-Studie („Targeting Aging with Metformin“), die untersuchen sollte, ob Metformin bei 65- bis 80-Jährigen altersbedingte Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs und Demenz hinauszögern kann. Sie wurde jedoch mangels Finanzierung pausiert – wenig verwunderlich bei einem Medikament, das im Monat nur wenige Euro kostet.

Parallel zur Longevity-Forschung wird Metformin als mögliche Therapie bei typischen Alterskrankheiten wie Krebs und Demenz untersucht. Bei Krebs deuten epidemiologische Studien darauf hin, dass Diabetiker unter Metformin seltener bestimmte Krebsarten entwickeln. Eine große Meta-Analyse von 2014 fand ein um etwa 31 % verringertes Krebsauftreten und 34 % weniger Krebstodesfälle im Vergleich zu anderen Therapien – besonders bei Darm-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die plausibelste Erklärung: Metformin senkt Insulinspiegel. Hohe Insulinspiegel begünstigen Tumorwachstum. Metformin aktiviert Signalwege, die das Zellwachstum in Krebszellen bremsen.

In Bezug auf neurodegenerative Erkrankungen gibt es ebenfalls interessante Hinweise. Eine Studie in Singapur berichtete, dass Senioren mit Metformin ein um 51 % geringeres Risiko für kognitive Beeinträchtigung hatten. Als Erklärung gilt, dass Metformin Gefäße schützt und entzündungshemmend wirkt – beides ist auch für die Gehirngesundheit wichtig. Die Datenlage ist noch nicht eindeutig – aber die Ergebnisse sind spannend genug, um sie im Auge zu behalten.

Sollte ich Metformin als gesunder Mensch einnehmen?

Man kann Metformin auch als gesunder Mensch einnehmen. Einige Leute nehmen es täglich ein, obwohl sie gar keinen Diabetes haben, in der Hoffnung, Entzündungen zu dämpfen und Alterskrankheiten vorzubeugen. Auf der Pro-Seite stehen die wissenschaftliche Logik und positive Signale aus Studien – und Metformin ist günstig, bewährt und gut verträglich.

Doch es gibt wichtige Gegenargumente. Erstens wissen wir noch nicht sicher, ob Metformin Gesunden langfristig nützt – Beobachtungsstudien reichen nicht für eine allgemeine Empfehlung. Zweitens kann es bei sportlich aktiven Menschen nachteilig sein: Die MASTERS-Studie zeigte, dass ältere Teilnehmer mit Metformin beim Krafttraining weniger Muskelmasse aufbauten als die Placebogruppe. Das ergibt Sinn – Metformin aktiviert AMPK und bremst mTOR, aber beim Training will man mTOR aktivieren, um Muskeln aufzubauen. Ähnliche Effekte könnten beim Ausdauertraining auftreten.

Viele Experten raten daher, nicht auf eigene Faust zu experimentieren, sondern die Ergebnisse großer Studien abzuwarten. Metformin könnte eines Tages ein Zusatztool sein – aber kein Ersatz für die wichtigsten Lifestyle-Interventionen wie Ernährung, Bewegung und Schlaf, die nachweislich die größten Hebel für ein langes, gesundes Leben bleiben.

Was sind die Nebenwirkungen und Risiken von Metformin?

Obwohl Metformin als gut verträgliches und sicheres Medikament gilt, kann es zu Nebenwirkungen kommen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl oder Durchfall, die bei etwa einem von fünf Nutzern zu Beginn der Einnahme auftreten. Sie sind meist leicht und vorübergehend; Einnahme zum Essen und langsame Dosissteigerung helfen, sie zu minimieren.

Ein weniger bekanntes Langzeitrisiko ist die verminderte Vitamin-B12-Aufnahme im Darm. Nach 13 Jahren Einnahme war in einer Studie fast jeder fünfte Teilnehmer unterversorgt – doppelt so viele wie in der Placebogruppe. Regelmäßige B12-Kontrollen und bei Bedarf eine Supplementierung sind daher sinnvoll.

Die gefürchtete Laktatazidose, eine potenziell lebensbedrohliche Übersäuerung des Blutes, ist bei sachgemäßer Anwendung extrem selten und praktisch nur bei schweren Nieren-, Herz- oder Leberproblemen relevant. Bei ansonsten gesunden Personen liegt das Risiko nicht höher als ohne Metformin. Unterzuckerungen durch Metformin allein sind nicht zu erwarten.

Fazit

Metformin hat eine erstaunliche Reise hinter sich – vom mittelalterlichen Kräuterextrakt zum meistverordneten Diabetesmedikament der Welt, und nun möglicherweise zum Kandidaten für ein allgemeines Longevity-Mittel. Die Hinweise sind verheißungsvoll: Metformin schützt Zellen, mindert Entzündungen und könnte diversen Alterskrankheiten vorbeugen. Die Vorstellung, mit einer bewährten Tablette ein Stück weit den Alterungsprozess zu verlangsamen, ist faszinierend und gar nicht mehr so weit hergeholt, wie sie einst klang. Ich selber habe es mehrere Monate getestet und fand es gut, kann aber nicht sagen, ob es langfristig in Bezug auf Longevity wirklich einen Unterschied macht.

Ich kann euch nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob ein Gesunder wirklich länger lebt, wenn er Metformin nimmt. In den nächsten Jahren werden Studien uns dazu wahrscheinlich Antworten liefern. Bis dahin ist Metformin vor allem das, was es schon immer war: ein unglaublich nützliches Medikament für Menschen mit Typ-2-Diabetes oder erhöhtem Risiko.
Trotzdem gilt wie immer: Die Grundlagen der Gesundheit – gute Ernährung, Bewegung, Schlaf und soziale Verbundenheit – bleiben unersetzlich. Sollte Metformin sich als Helfer fürs lange Leben entpuppen, dann vermutlich als Ergänzung zu diesen Eckpfeilern, nicht als Ersatz.

Quellen

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