Schadet Testosteron dem Herzen? (TRT Therapie im Fokus)

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Richard Staudner

Der Optimizer

Jahrelang hing über der Testosteron-Ersatztherapie dank einiger Vorfälle bei Patienten ein tiefer Schatten. Nicht der Schatten des Dopings, nicht der des Missbrauchs – sondern ein ganz konkreter medizinischer Verdacht: Könnte Testosteron das Herz gefährden? Könnte eine Therapie, die Männern mit echtem Hormonmangel helfen soll, gleichzeitig ihr Herzinfarktrisiko erhöhen?

Diese Frage hat Mediziner, Patienten und Behörden jahrelang beschäftigt, weil einige Männer wegen der Testosteron-Therapie einen Herzinfarkt hatten. Das hat zur Verunsicherung geführt – in Arztpraxen, in Fachzirkeln, und bei Männern, die schlicht wissen wollten: Ist das, was mein Arzt mir verschreibt, auch wirklich sicher?

Die TRAVERSE-Studie („TESTOSTERONE Replacement Therapy for Assessment of Long-term Vascular Events and Efficacy ResponSE“ – ) ist die bisher umfassendste Antwort auf diese Frage. Und die Antwort ist differenzierter, als viele erwartet haben.

Bevor wir zu der Sicherheitsstudie und dem Ergebnis kommen, schauen wir uns erstmal an, was Testosteron ist und warum es so wichtig ist. 

Testosteron – Ein Hormon, das alles berührt

Testosteron ist weit mehr als nur ein ‚Männlichkeitshormon‘. Es steuert Muskelmasse und Knochendichte, beeinflusst Stimmung, Antrieb und Schlafqualität, reguliert die Blutbildung und wirkt bis in die Gefäßwände hinein. Bei Männern sinkt der Spiegel ab dem 30. Lebensjahr im Schnitt um etwa ein Prozent pro Jahr. Das ist normal. Problematisch wird es erst, wenn der Abfall so stark ist, dass der Körper anfängt, Symptome zu zeigen.

Ein echter Testosteronmangel – in der Medizin Hypogonadismus genannt – kann sich auf viele Arten bemerkbar machen: anhaltende Müdigkeit, nachlassende Libido, Konzentrationsprobleme, Stimmungstiefs, weniger Muskelmasse trotz Training oder natürlich auch Trainingsunlust. Das ist sehr unspezifisch und viele dieser Symptome passen auch zu anderen Ursachen. Zum Beispiel einen Mikronährstoffmangel. Genau deshalb ist eine klare Diagnose so wichtig – und wird leider so häufig vernachlässigt.

Testosteron-Ersatztherapie, kurz TRT, zielt darauf ab, den Hormonspiegel wieder in den Normalbereich zu bringen. Nicht höher als nötig – sondern so, wie ein gesunder Körper es selbst herstellen würde. Das klingt einfach. Die medizinische Debatte darum war es lange nicht.

Die Testosteron Alarmsignale – und warum sie ernst genommen wurden

Die Sorge um das Herz bei der Testosteron Therapie hatte ihre Gründe: es gab konkrete Auslöser, über mehrere Jahre hinweg.

Das erste laute Signal kam 2010. Eine Studie bei älteren, gesundheitlich stark belasteten Männern wurde vorzeitig abgebrochen, weil sich in der Testosteron-Gruppe deutlich mehr Herzprobleme häuften – 23 Ereignisse gegen 5 in der Placebo-Gruppe. Die Teilnehmer waren zwar besonders gefährdet, und die Fallzahl war klein – aber der Verdacht, dass TRT Herzinfarkte auslöste, war da.

Kurz darauf folgten Beobachtungsstudien aus großen Patientendatenbanken. Eine davon, durchgeführt bei Veteranen nach einer Herzuntersuchung, fand eine statistische Verbindung zwischen Testosteron-Therapie und einem zusammengesetzten Endpunkt aus Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall. Beobachtungsstudien können keine Ursache-Wirkung beweisen – sie zeigen nur Muster in Daten. Aber trotzdem: das Muster war da.

Im Jahr 2013 fasste eine Meta-Analyse – also eine Zusammenschau vieler Einzelstudien – die Lage zusammen: Unter Testosteron traten kardiovaskuläre Ereignisse rund 54 Prozent häufiger auf als unter Placebo. Eine erschreckende Zahl. Einschränkung: Die einbezogenen Studien waren sehr unterschiedlich – unterschiedliche Patientengruppen, Dosierungen, Messmethoden. Das macht eine Zusammenfassung schwierig.

Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA zog 2015 die Konsequenz: Sie verlangte eine große, saubere Sicherheitsstudie. Und sie stellte klar – Testosteron ist kein Lifestyle-Produkt, sondern ein Medikament für einen medizinisch nachgewiesenen Mangel.

In Deutschland und Europa reagierten Behörden ähnlich vorsichtig. Wie immer nach dem Vorbild der USA und der FDA. Die Verunsicherung war real – und berechtigt. Denn eine feste Antwort auf die Frage, ob TRT dem Herzen schadete, fehlte schlicht noch.

Das hat die TRAVERSE Studie zu Testosteron-Ersatztherapien herausgefunden

Bei der TRAVERSE Studie wurden 5.246 Männer zwischen 45 und 80 Jahren aufgenommen. Alle hatten Symptome, die zu einem Testosteronmangel passen, und zweimal gemessene Morgenwerte unter 300 ng/dL – Blut-Testosteron kann unter anderem in der Einheit Nanogramm pro Deziliter gemessen, und 300 ng/dL gilt als klinische Untergrenze. Der Morgenzeitpunkt ist wichtig, weil der Spiegel über den Tag stark schwankt und morgens am höchsten ist.

Alle Teilnehmer hatten bereits eine bekannte Herzerkrankung oder ein deutlich erhöhtes kardiovaskuläres Risiko – etwa durch Bluthochdruck, Diabetes oder erhöhte Blutfette. Also genau die Männer, bei denen das Herzrisiko am relevantesten war.

Die eine Gruppe bekam ein Testosteron-Gel, die andere ein optisch identisches Placebo-Gel. Weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte wussten, wer was bekam – das nennt man doppelblind, und es ist der Goldstandard, um Erwartungseffekte auszuschließen. Die Dosis wurde individuell angepasst, mit einem Ziel: Testosteronspiegel zwischen 350 und 750 ng/dL – also im physiologischen Normalbereich, nicht über die Limits.

Im Schnitt wurde knapp zwei Jahre behandelt und fast drei Jahre lang nachbeobachtet. Der Hauptendpunkt war eindeutig definiert: schwere Herzereignisse, zusammengefasst unter dem Begriff MACE – Dazu zählen: Herzkreislauf-Tod, nicht-tödlicher Herzinfarkt und nicht-tödlicher Schlaganfall. Alles was man wirklich nicht haben will. 

Das Ergebnis der TRAVERSE Studie rund um TRT

Die Zahlen sind klar. Unter Testosteron erlitten 7,0 Prozent der Männer ein schweres Herzereignis. Unter Placebo waren es 7,3 Prozent. Das heißt: Es gab keinen relevanten Unterschied zwischen den Gruppen. Die Studie hatte sich das Ziel gesetzt zu zeigen, dass Testosteron nicht schlechter als Placebo ist – und genau das hat sie gezeigt.

TRAVERSE liefert eine Entwarnung – keine Empfehlung. Der Befund sagt: Testosteron-Therapie unter diesen Bedingungen ist kardiovaskulär nicht gefährlicher als keine Therapie. Er sagt nicht: Testosteron schützt das Herz.

Dieser Unterschied ist zentral für das Verständnis. Denn wer die Studie als Freifahrtschein liest, hat sie falsch gelesen. Was TRAVERSE leistete, war das Ausräumen einer spezifischen Angst – der Angst vor einem erhöhten Herzinfarktrisiko unter medizinischer TRT im physiologischen Bereich.

Die FDA hat die Konsequenzen gezogen: Alte Warnhinweise über ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko werden aus den Produktinformationen aller Testosteron-Präparate gestrichen. Das ist eine direkte Folge der TRAVERSE-Daten.

Die Schattenseiten rund um Testosteron, die bleiben

TRAVERSE ist eine starke Studie. Aber sie ist nicht das Ende der Geschichte. Denn neben dem klaren Hauptergebnis gab es Nebenbefunde, die man nicht ignorieren sollte.

In der Testosteron-Gruppe traten häufiger Fälle von Vorhofflimmern auf. Das ist eine Herzrhythmusstörung, bei der die Herzvorhöfe unregelmäßig und zu schnell schlagen. Vorhofflimmern ist nicht harmlos – es erhöht das Risiko für Blutgerinnsel und Schlaganfall, wenn es unbehandelt bleibt.

Außerdem gab es mehr akute Nierenschädigungen und mehr Lungenembolien – also Blutgerinnsel, die ein Gefäß in der Lunge verstopfen. Das ist ein ernster Befund, auch wenn die Zahlen klein sind.

Ein Mechanismus, der dahinterstecken könnte, ist gut bekannt: Testosteron stimuliert die Blutbildung. Das ist an sich nicht schlecht – viele Männer mit Testosteronmangel haben leichte Anämie und profitieren von einer Normalisierung der Blutwerte. Aber wenn der sogenannte Hämatokrit – der Anteil der roten Blutkörperchen im Blut – zu stark steigt, wird das Blut zähflüssiger. Und zähflüssiges Blut bildet leichter Gerinnsel. Das ist der Grund, warum das Hämatokrit zu den Pflichtkontrollen bei einer Testosteron-Therapie gehört.

Im Februar 2025 hat die FDA noch einen weiteren Punkt ergänzt: 24-Stunden-Blutdruckmessungen haben gezeigt, dass Testosteron-Präparate class-wide – also alle auf dem Markt – den Blutdruck erhöhen können. Ein neuer Warnhinweis wird deshalb in alle Produktinformationen aufgenommen. Blutdruck ist einer der stärksten Risikofaktoren für Herzerkrankungen und auch Demenz. 

Für wen gilt das – und für wen nicht

TRAVERSE beantwortet eine präzise Frage für eine präzise Gruppe. Wer sich außerhalb dieser Gruppe bewegt, kann die Ergebnisse nicht einfach auf sich übertragen.

In der Studie untersuchtNicht abgedeckt
Männer zwischen 45 und 80 JahrenJüngere Männer unter 45
Symptome + 2× bestätigter Morgenwert < 300 ng/dLNur subjektives Gefühl, keine Diagnostik
Bestehende Herzerkrankung oder hohes RisikoGesunde Männer ohne Risikofaktoren
Ziel: Normaler physiologischer SpiegelHochdosis-Anwendung, Bodybuilding-Protokolle
Transdermales Gel, kontrollierte DosierungInjektionen mit supraphysiologischen Spitzen

Das Wort supraphysiologisch taucht in diesem Kontext immer wieder auf und ist wichtig: Es bedeutet Spiegel deutlich oberhalb dessen, was ein gesunder Körper je selbst produzieren würde. Bei leistungssteigernden Dosen – wie sie im Bodybuilding oder bei manchen Optimierungs-Protokollen vorkommen – geht es nicht um 350 bis 750 ng/dL, sondern teils um ein Vielfaches davon. Über diese Dosierungen sagt die TRAVERSE Studie gar nichts.

Auch das Alter spielt eine Rolle. Die Studie untersuchte Männer ab 45. Bei jüngeren Männern mit Hypogonadismus – zum Beispiel durch genetische Ursachen, eine Verletzung oder bestimmte Erkrankungen – ist die Datenlage dünner. Hier ist individuelle ärztliche Beurteilung besonders wichtig.

Was gutes Monitoring bei einer Testosteron-Ersatztherapie bedeutet

Medizin ohne Kontrolle ist keine gute Medizin. Das gilt für Blutdruckmittel genauso wie für Testosteron. Wer eine TRT beginnt, braucht ein strukturiertes Begleitsystem – keine einmalige Verschreibung und dann Stille.
Die wichtigsten Parameter, die regelmäßig überprüft werden sollten:

ParameterWarum es wichtig ist
BlutdruckFDA-Warnung 2025: Testosteron kann Blutdruck erhöhen. Ein zentraler Herzrisikofaktor.
Hämatokrit (Blutbild)Zu hoher Wert = zähflüssigeres Blut = erhöhtes Gerinnselrisiko.
Testosteronspiegel (morgens)Ziel ist der Normalbereich – Überdosierung vermeiden.
PSA (Prostata-Marker)Prostata-Kontrolle, besonders im ersten Behandlungsjahr.
Blutfette (LDL, HDL, Triglyzeride)Zentraler Baustein des kardiovaskulären Gesamtrisikos.
NierenwerteWegen des Signals für akute Nierenschädigungen in TRAVERSE.

Diese Kontrollen sind keine bürokratischen Pflichtübungen. Sie sind das Frühwarnsystem, das die Therapie sicher macht. Wer sie konsequent einhält, reduziert genau die Risiken, die TRAVERSE als Nebenbefunde identifiziert hat.

Was die TRAVERSE Studie zu TRT nicht beantworten konnte

Ehrlichkeit gehört zur guten Wissenschaft. Und TRAVERSE hat Grenzen, die man kennen sollte.

Die Beobachtungszeit lag im Schnitt bei knapp drei Jahren. Das ist für eine Sicherheitsstudie beeindruckend. Es ist aber keine lebenslange Beobachtung. Ob sich bei zehnjähriger Therapie andere Muster zeigen – zum Beispiel in der Gefäßverkalkung oder bei langfristigen Rhythmusstörungen – ist damit nicht beantwortet. Für diese Fragen braucht es Langzeitdaten, die heute noch nicht existieren.

Außerdem wurde in TRAVERSE nur eine Darreichungsform untersucht: ein transdermales Gel. Testosteron-Injektionen, Pflaster oder andere Formen wurden nicht verglichen. Injektionen zum Beispiel erzeugen andere Spiegel-Profile – oft höhere Spitzen kurz nach der Injektion, dann ein stärkeres Abfallen. Ob das für das Herzrisiko relevant ist, kann TRAVERSE nicht sagen.

Und schließlich: Die Studie untersuchte Männer mit bereits hohem Herzrisiko. Das war bewusst so gewählt – denn genau dort war die Frage am drängendsten. Aber für jüngere Männer ohne Herzerkrankung, die vielleicht 30 Jahre lang TRT anwenden werden, fehlen noch eigene Daten.

TRAVERSE schließt eine wichtige Wissenslücke. Es öffnet dabei andere. Die Wissenschaft ist nicht fertig mit diesem Thema – sie hat einen entscheidenden Schritt gemacht.

Was du zur Testosterone-Ersatztherapie mitnehmen kannst

Wer mit einem echten Testosteronmangel lebt – mit Symptomen, sauber bestätigten Blutwerten und einem Arzt, der die Therapie begleitet –, kann aufatmen. Die große Herzangst, die jahrelang über der TRT-Debatte hing, ist durch TRAVERSE deutlich kleiner geworden. Herzinfarkt und Schlaganfall: kein erhöhtes Risiko unter medizinischer Therapie im Normalbereich.

Aber Testosteron ist kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel. Es ist ein Hormon mit systemischer Wirkung. Blutdruck, Hämatokrit, Herzrhythmus – das sind reale Begleitphänomene, die Aufmerksamkeit verdienen. Wer das ernst nimmt, hat gute Karten.

Und wer TRT als Lifestyle-Werkzeug ohne Diagnose, ohne Monitoring und mit Dosen weit über dem Normalbereich betreibt – der bewegt sich außerhalb der Studienlage. Nicht weil das automatisch gefährlich ist. Sondern weil schlicht niemand weiß, was dabei herauskommt.

TRAVERSE hat für Klarheit gesorgt: Testosteron-Therapie unter medizinischer Indikation, physiologischer Dosierung und mit konsequenter Überwachung ist für das Herz nicht riskanter als keine Therapie. Aber sie ist auch kein Freifahrtschein für Freizeitdoping.

Quellen

Lincoff, A. M., Bhasin, S., Flevaris, P., Mitchell, L. M., Bhatt, D. L., Lincoff, A. M., & TRAVERSE Study Investigators. (2023). Cardiovascular safety of testosterone-replacement therapy. New England Journal of Medicine, 389(2), 107–117.https://doi.org/10.1056/NEJMoa2215025

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